Perlen

 
 

„Was geht?"


Seit einigen Jahren schon ist Walter höher als seine Mutter, und natürlich (seiner Meinung nach, zumindest) auch viel cooler und weltgewandter als sie.


Als es mal wieder um ein Thema ging aus Walters Spezialgebiet Skaten, Musik und Klamotten, packte er Mariana väterlich um die Schulter und sagte, mit einem unendlichen Verständnis aber auch Mitleidsgefühl zu ihr:


„Mama, du bist ja ganz O.K., aber du hast überhaupt keine Ahnung

was heutzutage abgeht!"



Passt!


Walter in passende Kleidung hinein zu kriegen, ist genau so erfolglos wie unseren Husky das Parieren, oder der Katze das Apportieren, beizubringen. So haben wir also resigniert, und lassen ihn selber seine Klamotten aussuchen.


Bei einer „Shopping Session" in einem der Metzinger „Factory Outlet Stores" (die Läden in denen man etwas „shopt" dürfen nur englische Namen haben, um nicht „out" zu sein) kam er vor Freude über beide Ohren grinsend aus der Kabine, in einer fünf Nummer zu großer Jeans, und deklarierte feierlich:

„Fett, passt genau!"



Moralstunde


Walter hat mal wieder seine Schuhe ruiniert, und braucht neue, die natürlich den Schriftzug einer bestimmten Marke haben mussten,

damit man sich unter den Freunden sehen lassen konnte, und natürlich kosteten die auch das Dreifache eines „normalen" Sportschuhpreises.


Also versucht Mariana Überzeugungsarbeit zu leisten, in der Küche, zwischen dem Mittagsessen kochen, Julias Schulaufgaben betreuen und sich für die Spätschicht vorzubereiten.


„Es müssen doch nicht die teuersten sein, es kommt vielmehr auf innere Werte an, außerdem werden diese neue Schuhe auch bald wieder ruiniert sein, überlege mal wie lange ich dafür arbeiten, oder du Zeitungen austragen musst, u.s.w., u.s.w…."


Umso länger sie predigt, desto mehr staunt sie dass von Walter kein Widerspruch kommt. „Der Junge wird langsam aber sicher doch vernünftig, er sieht ein dass ich Recht habe", denkt sie, stolz über ihre erzieherischen Qualitäten und wundert sich über einen Schatten der sich andauernd vor dem Küchenfenster hin und her bewegt.


Als sie neugierig nachschaut was das ist, trifft sie der Schlag: es ist Walter, der - gelangweilt von dem „Gelaber" - auf dem Skateboard sein neuestes Kunststück trainiert!



Sie liebt mich, sie liebt mich nicht…


Mit 16 wollte Robert nicht mehr mit uns in den Urlaub fahren, es war ihm zu uncool.

Erst einige Jahre später entdeckte er die Vorteile des gemeinsamen Urlaubes wieder: die Fahrt und der Aufenthalt kosteten nichts, er genoss alle Freiheiten eines Erwachsenen. Wenn es dann sein musste, etwa beim Eis und Süßigkeiten Essen, oder beim Eintritt in beizubringen Vergnügungsparks gesellte er sich seinen Geschwistern und - jetzt wieder unser Kind - ließ sich von den Eltern alles bezahlen.

Walter hat dieses Weisheitsstadium noch nicht erreicht.


Als es vor zwei Jahren wieder hieß Urlaub machen, fragte er ganz traurig seine Mutter: „Mama, warum liebst du Robert eigentlich mehr als mich?"

Mariana war entsetzt, überlegte fieberhaft was sie wohl falsch gemacht haben muss, um den Walter in eine solche seelische Tieflage gestürzt zu haben. Unser Bemühen war doch immer alle Kinder gleich zu behandeln! Besorgt fragte sie nach, wie er wohl auf solch Gedanken käme.


„Robert durfte die letzten Jahren Zuhause bleiben, nur ich muss immer wieder mit euch in den Urlaub fahren!"


 




Julias Perlen



Walters Perlen



Roberts Perlen